• Magazin
  • Oper Frankfurt
  • März/April 2008 (Scan)
  • S. 17-18

Zuviel Kunst und keine Würstel

Zwischen Mondkünstlern und besessenen Hussiten

Text: Zsolt Horpácsy

In: Magazin, März/April 2008 (Scan), Oper Frankfurt, S. 17-18 [Publikumszeitschrift]

Am liebsten sitzt er in seiner Prager Stammkneipe »Vikarka«, trinkt mindestens 14 Gläser Bier und isst Knackwurst. Doch als sich der Hausbesitzer Matej Brouček schließlich auf den Weg macht, sieht die Welt auf einmal ganz anders aus. Gerade ist er noch wie üblich nach Hause gewankt, brummelnd philosophierend über die Schlechtigkeit der Menschen, die ihre Miete nicht bezahlen oder über brotlose Künstler, die ihm einfach zu laut sind, da vermischen sich Rausch, Phantasie und Alltagsfrust zu einem seltsamen Traum und Herr Brouček landet plötzlich auf dem Mond.

Er muss sich mit dem Mondvolk, verrückten Pseudokünstlern, herumschlagen, die sich allein von ihrer luftigen Liebe zur Kunst und merkwürdigen Blütendüften ernähren. Leider nicht von Knackwurst. Das ist mehr als schlimm. Er hat aber Glück und kann schnell wieder fliehen, die Reise geht für ihn glimpflich aus.

Im zweiten Teil kommt es aber viel schlimmer. Er stürzt in die dunklen Katakomben der böhmischen Geschichte und landet im 15. Jahrhundert, wo er mit blutrünstigen Hussiten für die tschechische Unabhängigkeit kämpfen soll, was – weiß Gott! – nicht seine Sache ist.

Nicht nur, dass er in den Ausflügen monströse Albträume durchleiden muss, dazu kommt noch, dass er in der abenteuerlichen Rezeptionsgeschichte der Oper einen außerordentlich schlechten Ruf besitzt, den er nicht verdient hat: Ein patriotischer Feigling sei er, heißt es, ein Kunstbanause, noch dazu ein Frauenfeind und ein leidenschaftlicher Würstelesser. Bis auf das Letzte – denn Knackwurst essen ist tatsächlich seine wahre Leidenschaft – ist es an der Zeit, das gängige Brouček-Bild endlich zu revidieren.

Wohl ist Matej Brouček in seiner kleinbürgerlichen Realität ein bierseliger Träumer, doch bleibt er in seinen Träumen ein bierernster Realist. Denn er handelt authentisch.

Seine eigenartige Poesie wirkt auf den ersten Blick unpoetisch, als ob er zu großen Gefühlen gar nicht fähig sei. Oder doch? Mitten in der verlogenen Künstlichkeit der Mondgesellschaft und dem nationalistischen Wahn des 15. Jahrhunderts bleibt er als Einziger sich selbst, seinem Bier und der sagenhaften Vikarka-Knackwurst treu.

Neun Jahre lang (1908–1917) arbeitete Janáček allein am ersten Teil (Mondfahrt) seiner Oper und verschliss dabei nicht weniger als acht Librettisten. Der Hussiten-Teil dagegen entstand rasch, im Jahr 1917, innerhalb weniger (Kriegs-)Monate. Janáčeks kompromisslose Arbeitsweise, bereits notorisch geworden in den abenteuerlichen Entstehungsgeschichten seiner früheren Werke, machte den »Fall« Brouček, seinem komplex-surrealen Thema entsprechend, noch anstrengender für ihn. Denn eine harmlose Parodie der bestehenden Verhältnisse war ihm nicht genug. Er wollte »den Sturzflug der ganzen Gesellschaft auf die Schwelle der Vikarka« zaubern. Nicht zuletzt dieser kaum einzulösende Anspruch, die eigenwillige »Anti«-Dramaturgie und die daraus folgenden künstlerischen und ideologischen Fehldeutungen sind Gründe dafür, warum Herr Brouček immer noch viel zu selten auf der Opernbühne zu sehen ist. Daran ist der Komponist selbst nicht unschuldig. Seine patriotisch-verachtenden Äußerungen über den Titelhelden lösten und lösen immer noch interpretatorische Ratlosigkeit aus.

»Ich wollte, dass uns ein solcher Mensch widerwärtig werde, dass wir ihn auf jedem Schritt vernichten, erwürgen – aber vor allem in uns selbst, damit wir in der Reinheit des Geistes der Märtyrer unseres Volkes wiedererstehen.« Harte Worte. Doch das musikalische Porträt des Herrn Brouček wirkt dagegen verspielt, unbeholfen-poetisch und lässt den kleinen Mann als außerordentlich liebenswürdig erscheinen.

Was soll die Titelfigur also darstellen? Ist sie nur eine Karikatur des Antihelden? Sind die Widersprüche rund um die Partitur (und keineswegs im Werk) auf einen patriotischen gesellschaftlichen Druck zurückzuführen, dem sich der Komponist nicht entziehen konnte oder wollte?

Anhaltspunkte liefert nur die Musik, und sie verrät, dass Janáček ganz sicher kein Freund von ideologischen Ästheten-Debatten war, dafür weckt Broučeks gesunder Menschenverstand zuviel Sympathie. Und gegenüber dem – als vorbildlich besungenen, jedoch unmenschlichen und fanatischen – Hussiten-Patriotismus gewinnt er echte Größe. Wir wissen, dass Janáček viel zu intensiv mit seinen Bühnenfiguren lebte, liebte und litt: auch mit Matej Brouček.

Mit größtmöglicher Ökonomie und Stringenz wählte der Komponist seine Mittel. Alle seine Opern leben von jenem Sprachklang, der das tschechische Idiom prägt und das es ihm ermöglicht, Situationen und menschliche Konturen mit einer radikalen, psychologischen Genauigkeit darzustellen. Aus den scharfen Umrissen der einzelnen Sprachmoleküle entsteht auch der kaleidoskopische und fesselnde Bogen der Ausflüge. Der Orchestersatz bleibt oft auf wenige Stimmen verknappt: Bruchteile des romantischen Orchesterzaubers und melodische Bögen tauchen lediglich ansatzweise in den Momenten auf, in denen es, befreit von den Albtraumsequenzen, um die Sehnsüchte von Brouček geht.

Die große Herausforderung jeder Brouček-Interpretation besteht in der kompromisslosen (Anti-)Dramaturgie des Stückes, die viele Elemente des Films vorwegzunehmen scheint und reflektiert. Die Vorlagen, die gleichnamigen Romane von Svatopluk Čech, sind typische Prager Phantasien: Sie bewegen sich an der Grenze von Romantik und Surrealismus. 

Janáček verwendet zwar die Motive der Romane, vermischt sie aber mit Elementen des Dada, dem Expressionismus, Konstruktivismus und dem absurden Theater. Dadurch entsteht eine eigenwillige Prager Melange, deren uneingeschränkte, genussvolle Rezeption Unbefangenheit und große Entdeckungslust voraussetzt – denn, konventionell betrachtet, könnte man Die Ausflüge auch ungereimt nennen. Erst auf den zweiten oder dritten Blick entfaltet sich ihre eigenwillige Modernität, die sich in Brüchen, filmischen Schnitten und im Prinzip der Montage zeigt.

Der Komponist lässt den Dichter Čech im Hussiten-Teil mit einem höchst pathetischen, patriotischen Lied auftreten und zeigt damit Grenzen und Schwächen der nationalistischen Schwärmerei auf. Bevor Matej Brouček die stinkenden Straßen betritt und dort in die gar nicht so glorreiche tschechische Vergangenheit stürzt, wird Cech schnell wieder verabschiedet. Die Darstellung des erschreckenden Hussiten-»Ruhms« übernimmt Janáček.

Ähnlich wie der Komponist lässt sich Matej Brouček in keine Schublade stecken. Lieber nimmt er die unbefangen Neugierigen und Begeisterten mit auf seine bezaubernd-skurrilen Ausflüge und steht am Ende mit seinem scheuen Humor, seiner unscheinbaren Lebensweisheit und leidenschaftlichen Liebe zur Knackwurst stolz inmitten seiner Albträume und in der Opernliteratur.

Zsolt Horpácsy

Ergänzender Text von Axel Weidauer

Schon der erste Moment, in dem uns Matej Brouček grantig aus seiner Stammkneipe entgegengewankt, zeigt uns nicht den Typus des klassischen Heroen, sondern vielmehr eine ganz bodenständige, streitbare Figur, die empfindlich auf alles reagiert, was das Funktionieren seines Mikrokosmos zu stören wagt. Und doch vermag es dieser vermeintliche Kleingeist, dem Albtraum seiner Realität, in der sein Areal von anarchischer Künstlerboheme in Beschlag genommen wird und die Weiblichkeit ihn als Mann zu fordern droht, hopfengeschwängert in zwei großartigen Träumen zu entfliehen: einmal nach oben, zum Mond, in celestische Sphären, die – scheinbar von menschlich-gesellschaftlichen Zwängen befreit – die Möglichkeit zu einem tschechischen Utopia böten. Und zum anderen zurück zu dem im 19. Jahrhundert glorifizierten »Startschuss« tschechisch-nationaler Vergangenheit, der Schlacht am Veitsberg anno 1420: eine Reise nicht nur zurück, sondern auch nach innen, in die »tschechische Seele«.

Nur zu schnell erweist sich die fremd anmutende, hochästhetisierte lunare Künstlergesellschaft als allzu menschlich, als sich selbst beweihräuchernde, von sinnlosen Ritualen durchzogene, von oben gesteuerte Staatskunst mit artifiziellem Stillstand als Endprodukt – Janáčeks Aufarbeitung dessen, selbst als »kleiner Musiklehrer« aus dem mährischen Hukvaldy der Missachtung seitens der Prager Musikszene über Jahrzehnte ausgesetzt gewesen zu sein. Und die wehrhaften Hussiten des 15. Jahrhunderts bilden keine Gruppe moralisch unantastbarer Glaubenskrieger, sondern eine polarisierte, am Vorabend der Schlacht fanatisierte Masse, die den Gegner genauso wenig akzeptiert wie Broučeks Tschechentum vierhundert Jahre später.

Darum lässt sich Matej nicht vom »historischen Auftrag« vereinnahmen, mag die »Freund oder Feind«-Mentalität nicht akzeptieren im Kampf für ein geschichtliches Experiment, um dessen Kurzlebigkeit er zu seiner Zeit wusste. Er, der von der kaltblütigen Bauernschläue eines Schwejk noch weit entfernt ist, muss seine Haut retten, versucht zu desertieren und entrinnt Folter und Tod nur durch das Erwachen in der Wirklichkeit.

So wirft unser »Käferchen«, das sich (seinem Schöpfer Janáček gar nicht unähnlich) über alle Widrigkeiten hinweg seinen Weg unbeirrbar bahnt, den Zuschauer auf die Frage zurück, ob dieser an seiner statt nicht genauso gehandelt hätte. Und eben diese Anregung zum tieferen Verständnis verbindet Brouček mit einer Reihe anderer Protagonisten wie etwa dem Füchslein Schlaukopf oder Elina Makropulos, bevor es in Janáčeks Credo als Motto zum »Totenhaus« mündet: »In jeder Kreatur ein Funke Gottes«.